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Großmeister des Fotogramms Nach dem Zweiten Weltkrieg war es vor allen anderen Floris M. Neusüss, der die Tradition des Fotogramms wieder aufnahm. Unter der Bezeichnung „Subjektive Fotografie“ kamen in den 50er Jahren erstmals wieder Fotokünstler zusammen, die sich bewusst von der gewerblichen Indienstnahme des Mediums distanzierten. Sie nahmen zwar Bezug auf die künstlerische Fotografie der zwanziger Jahre, und auch Fotogramme lebten vereinzelt wieder auf, doch niemand lässt sich mit Floris M. Neusüss vergleichen, der seit den 60er Jahren intensiv diese traditionsreiche Technik pflegte und sie künstlerisch ausbaute. Auch während seiner längeren Lehrtätigkeit als Professor an der Gesamthochschule in Kassel widmete er sich dem Fotogramm und erforschte neben der eigenen Arbeit die vielfältigen historischen Anwendungen und Quellen dieser kameralosen Fotografie. Erinnert sei hier an Christian Schads Photogramme von 1919, Man Rays Arbeiten aus den 1920er-Jahren und vor allem an László Moholy-Nagys Bauhaus-Experimente. Die Ergebnisse seiner Recherchen fasste Floris M. Neusüss dann in einem Buch zusammen, das zum Standardwerk wurde: Das Fotogramm in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Die andere Seite der Bilder. Fotografie ohne Kamera (Köln 1990). Als erste bildnerische Arbeiten, die damals viel beachtet wurden, sind seine Körperfotogramme (Nudogramme) anzusprechen. Dazu arbeitete er mit unbekleideten Frauen, die er auf großformatigem Fotopapier posieren ließ. Wie bei dieser Technik üblich, blieben nach der Belichtung scherenschnittartige Ganzfigurbilder zurück, die jedoch aufgrund ihres realen Ganzkörpermaßes eine bezwingende, ungewohnte Leiblichkeit annahmen. In späteren Jahren kamen Persönlichkeiten hinzu, die in ihren Schattenprofilen auch zu identifizieren waren (wie Gerd Sander, Klaus Honnef, F. C. Gundlach oder Janos Frecot). In einer weiteren, als Nachtbilder betitelten Serie arbeitete Neusüss mit floralen Gebilden. Dazu legte er das Fotopapier bei nächtlichem Gewitter aus, so dass sich die Gräser, Kräuter und Pflanzen beim Blitzschlag gewissermaßen von selbst auf dem Fotopapier abbildeten. Parallel zu diesen als poetisch und rätselhaft erscheinenden Arbeiten entstand über mehrere Jahrzehnte eine umfangreiche Serie mit abstrakten, von jeglichem Beiwerk befreiten Gebilden, die er Ulos nannte (Unidentifiable Lying Objects, also Unidentifizierbare liegende Objekte). Sie leben von einer als informell zu bezeichnenden Ästhetik. In Wahrheit handelt es sich um Metallabfälle, also durch und durch reale Objekte, die jedoch infolge ihrer ganz dem Zufall geschuldeten Form in der Übertragung auf das fotografische Papier und die Silhouettenform eher surreale Züge annehmen. Obwohl durchaus von konkreter Objekthaftigkeit gesprochen werden kann, steht jedes einzelne Ulo mit der ihm jeweils eigenen Magie für sich. Die neuesten Arbeiten hat Floris M. Neusüss chemisch bearbeitet. Einige der im Verlauf dieser Jahre entstandenen und als autonome Bilder zu bezeichnenden Fotogramme werden nun im LUMAS-Programm geführt. Wie es der Fotohistoriker Klaus Honnef 1981 formulierte, tritt bei ihnen an die Stelle der fotografischen Illusion „die Wirklichkeit eines schöpferischen Aktes, inkarniert in dessen sichtbaren Auswirkungen“. Dr. Enno Kaufhold